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Die Edition Schrittmacher wird herausgegeben von: Michael Dillinger, Sigfrid Gauch, Arne Houben, Gabriele Korn-Steinmetz
und gefördert durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz.


Die Sonntage von Duisburg-Beeck
Edition Schrittmacher Band 35
Die Sonntage von Duisburg-Beeck
Eine Jugend
270 Seiten, 12,4 x 19,2 cm, Klappen-Broschur
ISBN: 978-3-89801-235-5
Preis: 12,00 EUR



Der Autor
Heiner Feldhoff, 945 in Steinheim in Westfalen geboren, Studium der Germanistik und Romantik, lebt in Oberdreis im Westerwald; zahlreiche Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa, Biografien zu Henry David Thoreau und Albert Camus; zuletzt »Kafkas Hund oder der Verwirrte im Sonntagsstaat«, Kürzestgeschichten (2001); »Landzungen. Notizen aus nichtigem Anlass« (2003); »Der löchrige Himmel«, Erzählungen, 2005; Joseph-Breitbach-Preis 1996.

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Inhalt
Duisburg-Beeck: Bindestriche machten von vornherein alles kompliziert. Von der 5. Klasse an, die dann auch nicht Klasse 5 hieß, sondern Sexta, ging ich aufs Max-Planck-Gymnasium, wechselte nicht wie der Vater früher zur namenlosen Knaben-Realschule. Einen Namen haben, ein »Begriff« sein, von Anfang an eingebunden sein, gebunden an einen Ort, ein Vorleben, einen Familienbetrieb: Herren-, Damen- und Kinderkleidung stand da öffentlich lesbar geschrieben, unweit der August-Thyssen-Hütte und nahe der König-Brauerei.


Leseprobe

Der Vorort

Auf der Bierflasche, wo immer ich sie öffne, der Name meines Heimatorts: Duisburg-Beeck. Ein Vorort, der mir in meiner Lebensgeschichte wie ein Vorwort erscheint, reichhaltiger, gewitzter, irritierender als der ordentliche Hauptteil. Mein Kind, wir waren Kinder, Verwirrte im Sonntagsstaat, Kinder Gottes mit weißen Kniestrümpfen und Klämmerchen im Haar. Hüpften über die Friedrich-Ebert-Straße, Adolf-Hitler-Straße hatten die Alten noch wenige Jahre zuvor gesagt, liefen über die ampelfreie Kreuzung am leeren Denkmalsockel vorbei zum Kindergottesdienst, zur Sonntagsschule, sagten die Alten, fröhlich soll mein Herze springen: taten wir singen. Fröhlicher sangen wir an freieren Tagen, wenn wir uns tummelten in den Ruinen, Trümmern und Bruchbuden, im CVJM-Heim chinesisch um die Tischtennisplatte herumliefen, mit dem Rad zum Rhein fuhren, wo das Internationale gemächlich entlangtuckerte, zur Vogelwiese, zum Baggerloch, in die Schrebergärten, im Frühtau zu den Kaulquappen, Salamandern, den wilden Brombeeren, die heute wilder wachsen denn je in den verlassenen Gärten am Fuße der Schlackenberge, in den Emscherwiesen. In den Altbauten werkelten die Schuhmacher, Sattler, Schneider, mit dicken Armen putzmuntere Heißmangelfrauen, über den Kopfstein rumpelte der Pferdewagen des Kohlenhändlers, auf dem Wochenmarkt lockte die Gratisprobe knorriger Ochsenschwanzsuppe, der Geruch von Anisbonbons kitzelte unsere Rotznasen, Marktschreier priesen ihre Ofenplattenreinigungspasten, die beinamputierten Schnürsenkelverkäufer schwiegen. Sankt Martin trabte hoch zu Roß über die Karl-Albert-Straße bis zur uralten Adler-Apotheke der Caecilie Hufnagel am Marktplatz, vom Balkon des wundersamen Gebäudes schneite es Süßigkeiten herunter in die frierenden Hände der Martinszugkinder, in den Laternen zitterten die Wachskerzen, Stutenkerlen wurde im Schutze der Dunkelheit der Kopf abgerissen, an der Tonpfeife klebte der Teig, Russisch Brot gab’s bei Schätzlein, Seifen-Schätzlein, sagten die Alten manchmal noch, Kieler Sprotten bei Quindeau, Kwindo, sagten wir. Wir waren Blaßfinken und hatten das Schießpulver auch nicht erfunden. Wir standen rum wie Falschgeld oder saßen da wie Ölgötzen.